Die Beweglichkeit der Schulter ist für jedes Pferd ein wichtiger Baustein einer gesunden Ausbildung. Bei einem Shire Horse wie Henry bekommt dieses Thema aber noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Mit so viel Masse auf der Vorhand ist es umso wichtiger, dass er lernt, seine Vorderbeine bewusst zu bewegen und seinen Körper gezielt einzusetzen.
Genau deshalb nehmen wir uns für solche Übungen alle Zeit der Welt. Mir ist wichtig, dass Henry nicht einfach irgendeine Bewegung ausführt, sondern wirklich versteht, worum es geht. Denn nur dann kann er später auch auf feine Hilfen reagieren.
Diese Übung gehört zu unseren Hausaufgaben aus dem Onlineunterricht. Am Anfang hatte Henry zwar schnell eine Idee, was ich von ihm wollte. Das eigentliche Problem war aber nicht die Aufgabe – sondern herauszufinden, wie er seine Vorderbeine bewegen muss, um sie zu lösen.
Und genau hier beginnt für mich das eigentliche Lernen. Henry durfte ausprobieren. Er musste keine vorgefertigte Lösung nachmachen, sondern selbst nach einem Weg suchen.
Seine erste Idee war, das Problem über ein Rückwärtstreten zu lösen. Als das nicht zum Ziel führte, begann er weiter nachzudenken. Dann versuchte er, das innere Vorderbein möglichst nah an das äußere heranzusetzen, um anschließend das äußere Bein zu bewegen. Später entwickelte er eine neue Strategie: Er kreuzte das innere Vorderbein vor dem äußeren nach außen und bewegte danach das äußere Bein. Zwischendurch kam er auch immer wieder auf die Idee, die Aufgabe über eine Bewegung der Hinterhand zu lösen.
Genau diese Momente sind unglaublich wertvoll. Denn jedes Mal überprüft Henry seine eigene Idee: Führt sie zum Erfolg oder muss ich etwas anderes ausprobieren? So entsteht echtes Lernen.
Und genau das liebe ich an der Arbeit mit ihm. Man kann förmlich sehen, wie er nachdenkt. Er probiert verschiedene Möglichkeiten aus, verwirft sie wieder und sucht nach einer Lösung. Und wenn der berühmte Knoten platzt, ist er unglaublich stolz auf sich. Dann strahlt er förmlich und zeigt mit einer Selbstverständlichkeit: „Schau mal, ich habe es verstanden!“
Ich bin überzeugt, dass Pferde genau diese Möglichkeit bekommen müssen. Sie dürfen eigene Ideen entwickeln, Fehler machen, neue Lösungswege ausprobieren und selbst herausfinden, was funktioniert. Nur so entstehen Verständnis, Selbstvertrauen und ein Pferd, das nicht einfach Bewegungen ausführt, sondern wirklich begreift, was es tut.
Genau deshalb sind diese Momente für mich unbezahlbar. Nicht, weil die Übung perfekt aussieht, sondern weil Henry sie aus eigener Überzeugung versteht. Denn genau so entsteht für mich echte Ausbildung – mit einem Pferd, das mitdenkt, lernt und jeden Tag ein kleines Stück mehr über seinen eigenen Körper entdeckt.
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