Im Jahr 2002 wurde ich vom Shire-Horse-Virus infiziert. Schon kurze Zeit später zog mein erstes eigenes Pferd bei mir ein – natürlich ein Shire Horse. Laila, eine wunderschöne Schimmelstute, war damals erst eineinhalb Jahre alt und hatte in ihrem jungen Leben bereits mehr erlebt, als ein so junges Pferd eigentlich erleben sollte.
Von Anfang an stand für mich nicht das Reiten im Vordergrund, sondern der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung. Laila brachte ihre eigene Geschichte mit und ich merkte schnell, dass ich Unterstützung brauchte. Diese fand ich bei Gabriele Strietzel. Bei ihr lernte ich die Kommunikationsprinzipien des Beziehungstrainings nach Heinz Welz und Pat Parelli kennen. Diese Zeit legte den Grundstein für mein heutiges Verständnis von Pferdeausbildung.
Rückblickend bin ich Gabriele sehr dankbar für alles, was sie mir damals mit auf den Weg gegeben hat. Gleichzeitig hat sich mein Blick auf Pferde in den vergangenen Jahren stark verändert. Mit jeder Erfahrung und jedem Pferd ist mein Bewusstsein für ihre Körpersprache, ihre Bedürfnisse und ihre Art zu kommunizieren gewachsen. Heute verstehe ich Kommunikation nicht mehr als etwas, das ich dem Pferd vermittle, sondern als einen Dialog, bei dem beide Seiten lernen, einander zuzuhören.
Im Jahr 2005 lud mich Gabriele zu einem Lehrgang mit Bent Branderup ein. Bis dahin sagte mir sein Name überhaupt nichts. Trotzdem fuhr ich als Zuschauer dorthin, weil ich auf der Suche nach einer Ausbildungsweise war, die zu Laila und mir passte. Es war ein kalter Dezembertag, doch schon nach kurzer Zeit spielte das Wetter keine Rolle mehr. Ich war fasziniert von der Akademischen Reitkunst. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, einen Weg gefunden zu haben, der meinen Vorstellungen vom Umgang mit Pferden entsprach.
Von da an begann für Laila und mich eine spannende Reise. Zunächst arbeiteten wir ausschließlich vom Boden aus. Mit jedem gemeinsamen Schritt wuchs unser Vertrauen. Irgendwann wagte ich – begleitet von Gabriele Strietzel – auch die Ausbildung unter dem Sattel. Schritt für Schritt entwickelte sich Laila zu einem feinen und motivierten Reitpferd.
2009 wollten wir mit den versammelnden Lektionen und der Ausbildung des Galopps beginnen. Doch das Leben hatte andere Pläne. Laila verließ viel zu früh diese Welt.
Lange blieb ich jedoch nicht ohne Pferd. Im November desselben Jahres zog Luci aus England bei mir ein. Zunächst nahmen wir uns viel Zeit, uns kennenzulernen. Erst 2011 begann ich mit ihrer Ausbildung am Boden und erklärte ihr nach und nach die Hilfen. Da 2012 ein Umzug nach Porta Westfalica bevorstand und ich nicht wusste, welche Trainingsmöglichkeiten mich dort erwarten würden, gewöhnte ich Luci bereits an die ersten Schritte unter dem Sattel.
Seit Ende 2011 bilde ich mich regelmäßig bei Marius Schneider weiter. 2014 kamen Trainingseinheiten bei Dörte Bialluch hinzu. Beide haben meinen Blick auf die Ausbildung von Pferden nachhaltig geprägt und meinen Weg entscheidend beeinflusst.
Ein besonderer Meilenstein folgte 2016. Nach über zehn Jahren durfte ich mit meinem eigenen Pferd an einem Lehrgang mit Bent Branderup teilnehmen. Allein dieser Moment war für mich etwas ganz Besonderes. Dass ich dort zusätzlich meine Bodenarbeits- und Longenprüfung erfolgreich absolvieren durfte, machte dieses Wochenende unvergesslich.
Im selben Jahr entdeckten Luci und ich außerdem das Quadrillereiten für uns. Die gemeinsame Arbeit im Team bereitete uns unglaublich viel Freude und eröffnete uns noch einmal eine ganz neue Seite der Pferdeausbildung.
Auch 2017 stand ganz im Zeichen des Lernens. Ich setzte meine Weiterbildung bei Marius Schneider fort und organisierte gemeinsam mit anderen Shire-Horse-Besitzern eine gerittene Shire-Horse-Quadrille für die Bundeszuchtschau. Dieses Projekt hat mir nicht nur viel Freude bereitet, sondern auch gezeigt, wie vielseitig und beeindruckend diese besonderen Pferde sind. Ein weiteres Highlight war unser Besuch im Naturtrailpark Dülmen, der Luci und mir viele neue Erfahrungen schenkte. Natürlich durfte auch in diesem Jahr ein Lehrgang bei Bent Branderup nicht fehlen.
2018 wagten Luci und ich etwas Neues und nahmen zum ersten Mal an einer Pferdemesse teil. Die Horsica war für uns eine spannende Erfahrung und hat uns viel Freude bereitet. Darüber hinaus besuchten wir erneut Lehrgänge bei Marius Schneider, einen Feuer- und Garrocha-Kurs auf dem Moorhof sowie Unterrichtstage bei Katrin Branderup Tannous und Celina Harich. Ein weiteres Highlight war der Unterricht bei Bent Branderup.
Heute bin ich dankbar, dass ich so viele unterschiedliche Ausbilder kennenlernen durfte. Jeder von ihnen hat meinen Blick auf Pferde geprägt. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass kein Ausbilder mein Pferd besser kennt als ich. Die größte Aufgabe besteht deshalb nicht darin, möglichst viele Methoden zu sammeln, sondern zu lernen, dem eigenen Pferd zuzuhören und aus all den Erfahrungen den Weg zu wählen, der genau zu diesem Pferd passt. Ich glaube, genau dort beginnt echte Ausbildung.
Vom Ziel zur Erkenntnis
Zwischen 2015 und 2019 waren Luci und ich regelmäßig auf Pferdemessen unterwegs. Damals hatte ich das Gefühl, dass man es geschafft hat, wenn man dort auftreten darf. Es fühlte sich wie ein großes Ziel an.
Und tatsächlich haben uns diese Jahre als Pferd-Mensch-Team unglaublich zusammengeschweißt. Die vielen gemeinsamen Reisen, das Training unter besonderen Bedingungen und die Auftritte vor Publikum haben unser Vertrauen zueinander wachsen lassen.
Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass mich etwas nachdenklich machte.
Ich stellte immer häufiger fest, dass mich nicht die Show begeisterte, sondern der Weg dorthin. Immer öfter fragte ich mich, ob das, was man auf einer Bühne sieht, wirklich das widerspiegelt, was gute Pferdeausbildung für mich bedeutet.
In meinem Erleben entstand manchmal der Eindruck, dass auf Veranstaltungen das fertige Bild wichtiger war als der Ausbildungsweg. Ergebnisse wurden gezeigt, doch die vielen kleinen Schritte, die Zeit und das Verständnis, die ein Pferd braucht, blieben oft unsichtbar.
Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf Pferdeausbildung nachhaltig verändert.
Ich habe verstanden, dass ich nicht für Applaus oder spektakuläre Bilder ausbilden möchte. Mich interessiert viel mehr, wie ein Pferd lernt, als wie es am Ende aussieht.
Seitdem ist es mir wichtiger geworden, den Weg zu zeigen als das perfekte Ergebnis. Ich möchte Pferden die Zeit geben, Zusammenhänge zu verstehen, eigene Lösungen zu entwickeln und sich körperlich und mental gesund zu entwickeln.
Heute weiß ich, dass mich nicht die Bühne erfüllt, sondern der Moment, in dem ein Pferd etwas wirklich verstanden hat. Genau dort beginnt für mich echte Ausbildung.
Die größte Lektion kam außerhalb des Reitplatzes
Zwischen 2023 und 2025 begann für Luci und mich wahrscheinlich die prägendste Zeit unserer gemeinsamen Reise.
Nach außen ging es „nur“ ums Ausreiten. Für mich ging es um viel mehr.
Alleine unterwegs zu sein, war für uns beide eine große Herausforderung. Luci hatte in vielen Situationen Angst – und ich auch. Lange Zeit glaubte ich, dass ich ihr vor allem Sicherheit geben müsse. Erst mit der Zeit wurde mir bewusst, dass ich mich zuerst meinen eigenen Ängsten stellen musste.
Es folgten zwei Jahre voller kleiner Schritte. Wir lernten, schwierige Situationen nicht zu vermeiden, sondern gemeinsam zu bewältigen. Manchmal machten wir nur wenige Meter Fortschritt, manchmal mussten wir umdrehen und an einem anderen Tag neu beginnen. Es gab Rückschläge, Zweifel und Momente, in denen ich dachte, wir würden unser Ziel nie erreichen.
Doch genau in dieser Zeit habe ich etwas Entscheidendes gelernt.
Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass ein Pferd keine Angst mehr hat. Vertrauen entsteht, wenn beide lernen, auch mit Angst gemeinsam weiterzugehen.
Heute können Luci und ich alleine ausreiten und Situationen meistern, die uns früher unüberwindbar erschienen. Nicht, weil die Welt weniger gruselig geworden ist, sondern weil wir gelernt haben, uns gegenseitig zu vertrauen.
Rückblickend hat mich diese Zeit mehr geprägt als jede Lektion und jeder Lehrgang. Sie hat mir gezeigt, dass echte Ausbildung nicht darin besteht, ein Pferd zu kontrollieren. Sie besteht darin, gemeinsam zu wachsen.
Seitdem frage ich mich nicht mehr: „Wie bekomme ich das Pferd dazu?“, sondern: „Was brauchen wir beide, damit wir diese Situation gemeinsam lösen können?“
Wenn aus Ausbildung Rehabilitation wird
Kurz darauf stellte uns das Leben vor eine weitere Herausforderung. Luci erlitt einen Hufbeinbruch.
Von einem Tag auf den anderen änderte sich alles. Statt Ausbildung bestimmten plötzlich Boxenruhe, Sorgen und Rehabilitation unseren Alltag.
Diese Zeit hat meinen Blick auf Pferde erneut verändert.
Ich habe gelernt, wie wertvoll die kleinen Fortschritte sind. Dass fünf Minuten gemeinsames Spazierengehen manchmal mehr bedeuten können als jede neue Lektion. Und dass Geduld nicht heißt, einfach abzuwarten, sondern jeden kleinen Entwicklungsschritt bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen.
Henry – ein neuer Lehrer
Während Luci sich von ihrer Verletzung erholte, begann mit Henry ein neues Kapitel.
Eigentlich war nie geplant, ihn auszubilden. Aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen sollte er einfach Pferd sein dürfen. Doch Henry zeigte mir jeden Tag deutlicher, dass er lernen wollte.
Heute fordert mich kein Pferd so sehr heraus wie Henry. Nicht, weil er schwierig ist, sondern weil er mich zwingt, noch genauer hinzusehen. Er stellt Fragen, auf die ich nicht immer sofort eine Antwort habe. Er erinnert mich jeden Tag daran, dass gute Ausbildung nicht darin besteht, möglichst schnell ans Ziel zu kommen, sondern gemeinsam einen Weg zu finden, den das Pferd wirklich versteht.
Er hat mir gezeigt, dass Lernen nicht linear verläuft. Dass Pferde nachdenken, ausprobieren, Fehler machen und eigene Lösungen entwickeln dürfen.
Heute begeistert mich nicht mehr die perfekte Lektion.
Mich begeistert der Moment, in dem ein Pferd versteht.
Der Moment, in dem aus einer Aufgabe eine Idee wird.
Der Moment, in dem ein Pferd beginnt, seinen eigenen Körper bewusst wahrzunehmen.
Meine Philosophie
Heute weiß ich, dass meine Reise niemals abgeschlossen sein wird.
Jedes Pferd, das mich begleitet hat, hat mich etwas gelehrt.
Laila hat mir gezeigt, wie Vertrauen entsteht.
Luci hat mich Geduld gelehrt und mir den Mut gegeben, mich meinen eigenen Ängsten zu stellen.
Henry erinnert mich jeden Tag daran, wie Pferde lernen.
Meine Aufgabe sehe ich heute nicht mehr darin, Pferden Lektionen beizubringen.
Ich möchte ihnen helfen, ihren Körper zu verstehen, eigene Lösungen zu entwickeln und mit Freude zu lernen.
Denn ich bin überzeugt:
Echte Ausbildung beginnt nicht dort, wo ein Pferd funktioniert.
Sie beginnt dort, wo ein Pferd versteht.
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