Wochenschüler auf dem Moorhof – Gemeinsames Wachsen

Wenn ich auf diese Kurswoche mit meinem Pferd Luci bei Marius Schneider zurückblicke, dann denke ich vor allem an einen intensiven Dialog. Es war kein „Training im klassischen Sinne“, sondern ein gemeinsames Erforschen dessen, was möglich wird, wenn Pferd und Mensch einander wirklich zuhören. Oder anders ausgedrückt: Eine wunderbare und gemeinsame Reise der Möglichkeiten.
Jeden Morgen starteten wir mit der Bodenarbeit als bewusste Einladung, Verbindung herzustellen. Im Zentrum standen die halben Tritte, die wir aus verschiedenen Führpositionen erarbeiteten. Was auf den ersten Blick wie eine technische Lektion aussieht, wurde für mich schnell zu einer Frage des Verständnisses: Wie formuliere ich meine Hilfen so klar, dass mein Pferd sie nicht nur sieht, sondern fühlt und in seinem Körper wiederfinden kann.
Es geht darum Unstimmigkeiten wahrzunehmen und deren Ursprung zu erkennen: ein Bein, das nicht mitkam, ein Blick, der fragend nach innen ging, ein Problem mit der Balance, ein Missverständnis einer Hilfe. Doch genau hier lag das Geschenk: Jeder halbe Tritt wurde zu einem Fenster in die innere Balance meines Pferdes – und gleichzeitig in meine eigene. Die Kunst bestand weniger darin, Fehler sofort zu korrigieren, als vielmehr das Pferd im richtigen Moment zu bestärken, wenn das Gefühl stimmte.
Ein echter Wendepunkt war das Erproben des Galopps an der Hand. Anfangs war ich skeptisch, doch es wurde schnell klar: Diese Übung schärft nicht nur die Körpersprache meines Pferdes, sondern macht meine Absichten messbar und deutlich. Mit jedem Galopp an der Hand gewann mein Pferd mehr Ausdruck in der Hinterhand, mehr Mut im Vorwärts – und der halbe Tritt wurde nicht länger zu einer abstrakten Aufgabe, sondern zu einem klaren Ausdruck von Balance und Bereitschaft.
Die zweite Einheit des Tages gehörte der Arbeit unter dem Sattel. Wieder war der halbe Tritt unser Leitgedanke – diesmal nicht am Boden, sondern aus dem Sitz heraus. Die Herausforderung lag nicht nur in der Umsetzung der Übung, sondern darin, mein Pferd mit so wenig Vorgaben wie möglich zu führen und ihm gleichzeitig Stabilität zu geben.
Im versammelten Galopp spürte ich wir erarbeitet hatten, zusammenfloss: Energie, Balance, Atmen und Losgelassenheit. Es war, als würde mein Pferd mir sagen: „Ich verstehe, was du von mir willst“ – und es tat es nicht mechanisch, sondern mit echtem Ausdruck und Freude. Besonders spannend war die Veränderung in meinem Sitz zu fühlen. Wie muss ich mich mit meinem Pferd bewegen, damit es seinen Galopp frei entfalten kann.
Diese Woche war weit mehr als eine Aneinanderreihung von Übungen. Sie war ein Einblick in eine Sprache, die wir oft nur erahnen: die Sprache des Pferdes, der feinen Hilfen und der klaren Signale. Wie Marius immer wieder betont, geht es in der Reitkunst darum, Beziehung spürbar zu machen und Bewegung in ihrer Natürlichkeit zu fördern.
Ich fahre nach Hause mit einem tieferen Gefühl für meinen Sitz, einer feineren Wahrnehmung der Balance meines Pferdes und einer stillen, aber starken Verbindung, die unserer gemeinsamen Arbeit zugrunde liegt. Zudem das Wissen und die Erkenntnis, dass wir uns gemeinsam an einen Punkt entwickelt haben, den wir nur in unseren kühnsten Träumen zu träumen wagten.

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